Wer als
Fotomodel Erfolg haben möchte, muss diszipliniert sein. Anweisungen befolgen
und umsetzen, stundenlang frisch wirken und Eleganz ausstrahlen – Strapazen,
die Nicole (20) gerne auf sich nimmt.
„Schau mal
ernst und dreh das Kinn sanft über die rechte Schulter. Und vergiss auf keinen
Fall die Körperspannung!“ Eine Anweisung, die fast militärisch klingt.
Schauplatz ist aber kein Kasernenhof, sondern ein Fotostudio in Krefeld. Und
der Befehlshaber kein General, sondern ein Kameramann. Dem Dämmerlicht und der
straffenden Gesichtsmaske sei dank, dass man das Stirnrunzeln der Adressatin
nicht sieht. Seit über drei Stunden gehorcht die 20-Jährige derartigen
Regieanweisungen. Leicht ins Hohlkreuz fallen, auf Kommando lächeln,
sekundenschnell Mimik und Gestik wechseln – für Nicole, eine angehende
Automobilkauffrau, fast schon Routine. Vor Fotokameras posieren - seit zwei
Jahren ihr Steckenpferd:„Ich bin von einem Fotografen angesprochen worden, der
mir eine seiner Meinung nach tolle Ausstrahlung attestierte und fragte, ob ich
mich nicht einmal porträtieren lassen wolle“, schildert der mit Idealmaßen
ausgestattete Lockenkopf die Anfänge seiner Leidenschaft.
Die erste Sedcard und
Veröffentlichungen im Internet ließen nicht lange auf sich warten. Ebenfalls Anfragen
anderer Fotografen. Per E-mail werden Thema, Zeitpunkt und Location verabredet,
Verträge über die Verwertungsrechte aufgesetzt. Wichtiger Passus:eine
Begleitperson
muss akzeptiert werden – Nicoles Freund. „Man weiß ja nie, an wen
sie gerät“, sagt der angehende Fachangestellte für Bäderbetriebe, der das Hobby
seiner Freundin so gut es geht unterstützt und vor manchen Bildern „echt den
Hut“ zieht. „Wenn man das hobbymäßig betreibt, geht man da lockerer ran. Jeden
Tag super aussehen müssen, weil ich damit mein Geld verdiene, keine Pickel
haben und nicht zunehmen dürfen, das wäre mir zu ernst“, sagt das Model, das
aber dennoch viel in die Karriere investiert. Unter anderem durch hartes
Training. Eishockey – eine andere große Leidenschaft. Der Gang ins
Fitness-Studio eine weitere. „Sportlich sein ist Pflicht. Manchmal werden Posen
verlangt, da muss man gelenkig sein.
"Es kann auch schon einmal vorkommen, dass
man am nächsten Tag Muskelkater hat“, spielt sie zum Beispiel auf Bewegungen
auf hochhackigen Schuhen an und gesteht: „Es gibt Kolleginnen, die haben es
drauf. Die gucken einfach in die Kamera und die Aufnahme sitzt. Ich hingegen
muss das Posing üben und gebe ehrlich zu, dass ich sehr viel vor dem Spiegel
übe.“
Aber nicht nur der Körper, auch der Geist will trainiertwerden. Kein Nikotin, kaum Alkohol -
Disziplin ist gefragt. „Wenn ich am Wochenende ein Shooting habe, dann gehe ich
nicht unbedingt noch bis fünf Uhr früh aus, sondern relativ früh ins Bett und
gucke, dass ich ausgeschlafen bin“, umschreibt das Model die sich selbst
auferlegte Askese. Was wiederum von Fotografen geschätzt wird.
„Eine dem Motiv
angemessene Körperhaltung und die Fähigkeit, vor der Kamera verschiedene
Charakteren entwickeln und darstellen zu können, sind wichtige
Voraussetzungen“, weiß Burkhard Fidorra, ein Profi, der Nicole schon mehrfach
vor die Linse holte. Schönheit allein genügt ihm nicht. Gekünsteltes Getue –
unerwünscht. Und: „Viele wollen schon nach den ersten zwei Shootings richtig
groß Geld verdienen.“ Was selten klappt.
Denn wie im Sport gilt auch in der
Fotografie: vor den Erfolg haben die Götter den Schweiß gestellt.